Hauptinhalt

26. Februar 2010 - 19. 30 Uhr

Zum Schicksal der Hammelburger jüdischen Familie Nussbaum, Bahnhofstraße 3

Buchvorstellung durch Petra Kaup-Clement
"Times Past - Times present" by Charlotte Isler, geb. Nussbaum - Irvington, New York 2005

Das alte Foto zeigt links das ehemalige Haus der Fam. Martell Nussbaum (um 1900). Es wurde 1936 zu einer Bankfiliale umgebaut.Die Bahnhofstraße 3 in Hammelburg ist uns heute als "Eine-Welt-Laden" (im Besitz der Sparkasse Bad Kissingen) bekannt. Dass dieses Haus und Anwesen bis 1936 in jüdischem Besitz war, wissen die wenigsten. Die Bahnhofstraße 3 war das Haus und Geschäft des jüdischen Eisenhändlers Adolf Nussbaum, der ein Bruder des Simon Nussbaum war, des jüdischen Kaufhausbesitzers in der Kissinger Straße 3 - 5. Adolf Nussbaum hatte zwei Söhne, Martell und Manfred. Manfred studierte Musik und wurde Kapellmeister. Durch Heirat verzog er nach Stuttgart. Martell übernahm in den 1920er Jahren das Eisenwarengeschäft seines Vaters in der Bahnhofstraße. - Die Bahnhofstraße 3 in Hammelburg war bis 1936 eine sehr schönes großes Haus, das um die Jahrhundertwende im Stil des Neoklassizismus erbaut worden war.

Das Anwesen der jüdischen Geschäftsfamilie Adolf Nussbaum in der Bahnhofstraße 3 reichte bis zur Stadtmauer am Langen Graben. - Im Oktober 1935 enteignete der nationalsozialistisch besetzte und gleichgeschaltete Vorstand der damaligen Bezirkssparkasse Hammelburg das Geschäft, Haus und Anwesen der alteingesessenen jüdischen Familie. - Diese Enteignung war damals in Hammelburg die erste Zwangsenteignung eines jüdischen Geschäftes und Anwesens. - Sie löste eine Welle des Entsetzens aus. Der langjährige Geschäftsführer der Bezirkssparkasse Hammelburg, der offensichtlich die Enteignung der jüdischen Geschäftsfamilie verweigerte, wurde verhaftet, seines Amtes enthoben und wegen "Veruntreuung und Unterschlagung" angeklagt. Ein Oberamtsinspektor am Hammelburger Bezirksamt verübte zur gleichen Zeit einen Selbstmordversuch in der Saale. Der damalige Hammelburger 1. NS-Bürgermeister ließ sich im Oktober 1935 nach Würzburg versetzen. Es begann das Jahr 1936. Hammelburg war ohne 1. Bürgermeister. Sechs weitere jüdische Geschäftsinhaber wurden 1936 zwangsliquidiert bzw. verließen "freiwillig" die Stadt Hammelburg ...

Charlotte Isler, geb. Nussbaum, die Autorin des Buches "Times Past - Times present", ist eine noch lebende Nachfahrin der Hammelburger jüdischen Familie Adolf Nussbaum. - Charlotte Isler wurde 1924 in Stuttgart als Tochter des Manfred Nussbaum geboren. Sie überlebte den Holocaust. - Als Kind der Großstadt besuchte sie oft zu Beginn der 1930er Jahre die Stadt Hammelburg, den Geburtsort und die Heimatstadt ihres Vaters. Ihre Erinnerungen gehen zurück in das schöne Haus und Anwesen ihrer Großeltern in der Bahnhofstraße 3.

Das Buch "Times Past - Times present" (erschienen in New York 2005) schildert in englischer Sprache das schwere und bedrückende Schicksal eines jüdischen Mädchens, das im Jahr der Machtergreifung Hitlers 9 Jahre alt wurde. Charlotte Isler, geb. Nussbaum, beschreibt in ihrem Buch, wie sich das Leben für jüdische Kinder und Jugendliche 1933 schlagartig zu ändern begann. Sie berichtet von dem schweren Schicksal jüdischer Flüchtlinge, die sich in den USA ein ganz neues Leben aufbauen mussten. In ihrem 2005 erschienen Buch und Lebensrückblick erzählt sie auch von Hammelburg:

"Born November 27, 1883, my father´s birthplace was Hammelburg, a small town in the southern German state of Bavaria (...) The earliest (known to me) member of the Nussbaum family was Manes Nussbaum, who moved to Hammelburg in 1800, settled there and startet a textile business. He and his wife Marianne had three sons and three daughters. Manes Nussbaum soon became a prominent citizen, and was elected treasurer of Hammelburg's Jewish community. He was the grandfather of Adolf Nussbaum, my paternal grandfather, who married my grandmother Klaire Berliner. The couple had two sons: My uncle Martell, born March 14, 1877, and his younger brother, my father Manfred, born November 27, 1883. Manfred and Martell grew up in a large house near the Hammelburger Marktplatz (market square). Their parents Adolf and Klaire owned a large hardware business (Eisenwarenhandlung) whose inventory included appliances and equipment such as railroad tracks ..."